Einsame Seele

Dieser Abend ist wie jeder Abend, seit Jahren. Kurz vor sieben positioniert er seinen übergewichtigen Körper in die horizontale Lage und schwitzt in die Couch. Der Fernseher läuft bereits. Mit der Fernbedienung in der Hand zappt er unmotiviert durch die Kanäle. Sein Gehirn saugt alles auf wie ein trockener Schwamm. Viereinhalb Stunden später ist er eingeschlafen, die Fernbedienung gleitet langsam durch die erschlafften Finger und fällt fast lautlos auf den Teppich. Es ist wie immer…

Mit all den medial eingetrichterten „Weisheiten“ und „Informationen“ vom Vorabend geht er gestärkt in den neuen Tag, um sich auf den Weg zu seinem 5Euro-die-Stunde-Job in der Fabrik zu begeben.
Er weiß jetzt, dass er Geld verbrennen muss um den Motor der Wirtschaft anzufeuern, dass er es mit Easy Credit auch kann, dass das wichtigste am Projekt das Projekt ist und dass man in Deutschland, Dank des „neuen Wirtschaftswunders“ wieder optimistisch in die Zukunft blicken kann…

Den monotonen Arbeitstag bringt er quälend langsam hinter sich, wie immer…
Abends kommt er wieder nach Hause. Die unbezahlbaren Rechnungen und Mahnungen verstopfen seinen Briefkasten, schon vor Wochen hatte er aufgehört sie zu öffnen. Wozu auch? Als er seine Wohnung betritt, empfängt sie ihn mit gleichgültiger Einsamkeit. Traurig blickt er auf die Familienfotos an der Wand. Längst haben sie ihn verlassen, wer will schon mit einen 5Euro-Job-Loser leben? Hast du nichts, bist du nichts. Dieses eiskalte Gesetz hat ihn weg vom gesellschaftlichen Leben in die Isolation getrieben. Was ihm bleibt, ist seine Flimmerkiste, sie wartet schon darauf die erneute Leere in seinem Kopf wieder aufzufüllen.
Gleich ist es wieder kurz vor sieben…

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4 Kommentare zu “Einsame Seele

  1. Meine Eltern haben sich auch vor ein paar Jahres getrent und mein Vater lebt jetzt alleine.
    Ich find den Text gut geschrieben und mir ist klar geworden, dass ich (lebe bei meiner Mutter) mich öfters bei meinem Vater melden sollte…
    Nochmals Danke

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  2. egi,

    ich danke Dir ebenfalls für Dein positives Feedback, es freut mich sehr, wenn mein Geschriebens reflektiert und zusätzlich zum Nachdenken anregt.
    Ich wünsche Dir und Deinen Eltern alles erdenklich Gute.
    Grüße
    tom

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