Bananenrepublick oder Microsoft ferngesteuert

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Linux-User verfasste der Chefredakteur Jörg Luther ein bemerkenswertes Vorwort, welches ich unbedingt zitieren möchte:

Am 4.September hat die ISO die Anererkennung von Microsofts Dokumentenformat „Office Open XML“ (OOXML) als internationalen Standard fürs erste abgelehnt [1]. Nur 53 % der qualifizierten Mitglieder stimmten für die Standardisierung, notwendig wäre jedoch eine Zwei-Drittel Mehrheit gewesen. Zum Vergleich: Das Open Dokument Format ODF passierte die ISO-Normung ohne jede Gegenstimme. Ist es erstaunlich, dass Microsofts Format nicht die erforderliche Mehrheit erzielt hat? Nein, eigentlich ist es eher ein Wunder, dass soviele Nationale Gremien dem Vorschlag der Standardisierung zugestimmt haben. Zu unaugereift, zu wackelig kommt das Format daher: Schon die Spezifikation umfasst stolze 6000 Seiten – gegenüber nur 600 beim Open Document Format ODF. Angesichts dieser kaum noch handhabbaren, trotzdem aber an vielen Stellen unpräzisen Festlegung bezweifeln Kritiker, dass überhaupt jemand ausser Microsoft selbst eine Implementation zustande brächte [2]. Der monströse Umfang von OOXML rührt nicht zuletzt daher, dass es unzählige Funktionen enthält, die lediglich dazu dienen, die Features und sogar die Bugs von von Microsoft-Produkten bis zurück zu Word 6.0 (von 1993) zu imitieren ([3], [4]). Dazu gehören beispielsweise sachlich fehlerhafte Datums- und Zeitberechnungen oder Layout- und Umbruchfehler von lange verflossenen Office-Versionen. Ein Versuch in der Praxis zeigt, dass noch nicht einmal die von Microsoft Office erzeugten DOCX-Dokumente der hauseigenen Spezifikation entsprechen – zumindest akzeptiert die die Suite keine Dokumente, die zwar wohlgeformtes OOXML enthalten, aber nicht von Office selbst erstellt wurden [5]. Offensichtlich ist aber die Marktmacht Microsofts so groß, dass man zumindest die Normungsgremien kleinerer Staaten trotzdem problemlos „auf Linie“ bringen kann. Das aber neben den Standardisierern etwa aus Barbados, dem Kongo, Syrien und Fiji ausgerechnet das Deutsche Institut für Normung (DIN) Microsofts Machwerk zum internationalen Maßstab machen will, überrascht dann doch etwas – um so mehr, als Industriestaaten wie Frankreich und Grossbritanien OOXML eine klare Abfuhr erteilt haben [6]. Aber offiziöse wie offizielle Stellen in Deutschland sind wohl inzwischen schon so fest in der Hand der Redmond-Lobby, dass sich keiner mehr die Frage nach dem Sinngehalt von Aktionen und Standards stellt, die nur einen nützen: Microsoft. Das macht auch vor der Bundesregierung nicht halt, wie die unsägliche Initiative „IT-Fitness“ [7] glasklar demonstriert. Sie entstand in Zusammenarbeit von Microsoft mit Partnern wie der Bundesanstalt für Arbeit und soll angeblich Menschen fit für den Umgang mit Computern im Berufsalltag machen. Der „IT-Fitness-Test“ der Initiative ist aber nur für Anwender von Microsoft-Produkten zu bestehen, da sich die gestellten Fragen fast ausschliesslich auf diese beziehen. Auf die Tatsache angesprochen, dass der Test Linux- und Mac-Anwender vollkommen ausgrenze, ließ die Initiative wissen, wer „alternative Programme“ verwende sei „leider zwangsläufig im Nachteil“ [8]. Wer Linux nutzt, ist also zwangsläufig im Nachteil – das zeigt, woher der Wind weht: Microsoft-Produktwerbung mit staatlicher Unterstützung. „Es ist beängstigend und skandalös, wie die deutsche Politik und Teile der US-amerikanischen IT-Industrie hier schon fast selbstverständlich Hand in Hand arbeiten.“ findet Elmar Geese vom Linux-Verband e.V. [9]. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen – willkommen in der Bananenrepublick Deutschland. Jörg Luther (Linux-User Ausgabe 10.2007)

tomswochenschau sagt dazu: 100% agree! Hier wird wieder einmal der Unterschied zwischen Monopol- und Marktwirtschaft deutlich!

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