Ein ganz normaler Sommertag

Die Schwere der schwülen Luft lastet auf den Schultern des ermatteten Stadtstreichers, er lässt seinen abgemagerten Körper auf die Parkbank sinken. Ein trauriger Blick durch den braunen Hals der leeren Bierflasche, auf deren Grund das imaginäre Bild von einer schöneren Vergangenheit genauso schnell schwindet, wie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Irgendwo in einem Vorgarten verselbstständigt sich ein Rasenmäher, dessen Besitzer mit dem Gesicht nach unten in der Wiese liegt. In der Ferne kündigt sich grummelnd ein herannahendes Gewitter an.

Auf der Baustelle schleppt ein Arbeiter schwere Zementsäcke durch die Hitze, während ein Experte im Radio wegen der schlechten Ozonwerte, vor übermäßigen Anstrengungen im Freien abrät. Die vielen hupenden Autofahrer beschweren sich zur gleichen Zeit darüber, dass so viele hupende Autofahrer zur gleichen Zeit unterwegs sind, wobei der Verkehr in der Innenstadt völlig zum Stillstand kommt. Über dem Brückengeländer hängt ein Obdachloser und kotzt in den abwasserverschmutzten dunkelgrauen Fluss. Drei Häuserblocks weiter versucht sich jemand das Leben zu nehmen und springt aus dem Fenster. Er hat Glück, denn er wohnt Parterre…

Die Luft steht, die Zeit kriecht dahin, scheint ebenfalls anzuhalten, als wolle sie eine Auszeit von sich selbst nehmen. Doch das kann sie nicht, so ereignen sich die Ereignisse weiterhin:

Das Gewitter kommt nun rasch näher. Plötzlich Blitz und Donner, Windböen, erste Regentropfen.
Ein Windstoß wirft eine Leiter um, nun baumelt die alte Frau, an einem Ast hängend, hilflos im Pflaumenbaum. Der herrenlose Rasenmäher des Nachbarn knattert vorbei, kann aber auch nicht helfen. Zwei Kilometer Luftlinie entfernt zetert ein Kleingärtner, weil der nun heftiger einsetzende Regen sein Grillfeuer löscht.
Der Stadtstreicher streicht die Segel, greift nach der Plastiktüte, in der sich der karge Rest seines Lebens befindet, rafft sich mühsam auf, um fluchend das nächstgelegende trockene Plätzchen zu erreichen. Ein Blitzschlag tötet ein Nadelbaumsamen-naschendes Eichhörnchen, was niemanden kümmert. Ein leergekotzter Obdachloser stürzt besoffen von der Brücke in den Fluss, was auch niemanden kümmert. Es donnert. Der Arbeiter von der Baustelle macht Feierabend und freut sich über die ersehnte Erfrischung von oben. Während Millionen Regentropfen die Schmutzpartikel aus der Luft filtern, landet die alte Frau, die sich zu einem todesmutigen Sprung aus dem Pflaumenbaum entschlossen hat, unsanft in ihrem inzwischen aufgeweichten Blumenbeet. Polizeisirenen im Hintergrund.

Im Stadtzentrum dampft der Asphalt, der Verkehr rollt wieder. Am Rand der Stadt versinkt ein Rasenmäher im See, nachdem sein Motor mit dem Geräusch eines letzten röchelnden Furzes abstirbt. Ein Rentner schließt hastig sein Fenster, wobei er murmelt, dass er das alles schon immer gewusst habe. Das reinigende Gewitter entlädt sich nun direkt über der Stadt und unterbricht die Hitzewelle. Der Himmel hat mittlerweile alle Schleusen geöffnet. Die Gemüter kühlen sich langsam ab. Ein ganz normaler Sommertag in irgendeiner ordinären Großstadt. Sonst war nichts.

6 thoughts on “Ein ganz normaler Sommertag

  1. Sehr gut und fesselnd geschrieben.

    Wobei die Beschreibung des Flusses etws zu pessimistisch ist. Die sind in den letzten Jahren/Jahrzehnten eher sauberer geworden. Habe die letzten Tage von einem Fluss gelesen, dem eine bestimmte Fischart ausstirbt, weil das Wasser zu sauber ist.

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  2. @Thearcadier

    Danke für die 5 Sterne🙂
    Du hast Recht, vielen Flüssen geht es heutzutage besser, sogar die Volme sieht gegenwärtig besser aus als früher😉

    Ein wenig haben mich auch die „Extrabreiten“ inspiriert mit dem Stück „110“

    Der Mond hängt satt und kalt im Antennenwald
    die Luft steht klar und starr, die Nacht wird kalt
    Lachend stirbt auf der leeren Kreuzung ein Reh,
    es riecht nach,…Schnee

    kennste bestimmt,…

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  3. Pingback: Kommentierte Leseempfehlungen 16.07.09 « Der AmSeL-Gedanke Plus = Gemeinschaft

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