Politik und Realität. Müntefering live in Dortmund

Gestern schlenderte ich nichts ahnend durch die Dortmunder Fußgängerzone. Vor mir eine Menschentraube, die lautsprecherverstärkte Stimme, die mir entgegen wehte, kam mir verdächtig bekannt vor. Es war Franz Müntefering, der dort auf der Bühne der Arbeiterwohlfahrt, dekoriert mit rotem Schal, live performte. Ich sah ihn zum ersten Mal in der Realität, nun weiß ich dass er wirklich existiert. Er hatte sich schon warm geredet, gab Gas, nahm das Tempo wieder heraus, seine Worte sorgfältig ausgewählt, die überwiegend älteren Zuhörer applaudierten. Ja, reden das können sie.


Junge modisch gekleidete Damen kamen vorbei, eine von ihnen schimpfte wenig ladylike: „Lass uns schnell weitergehen, ich will den blöden Wichser nicht hören.“ Ich dagegen hörte dem „blöden Wichser“ zu. Müntefering bemängelte indes, dass die Frauen, die als Betreuerinnen in den Kindertagesstätten arbeiten, keinen fairen Lohn erhalten, wären dort überwiegend Männer beschäftigt, wäre das Gehalt sicherlich gerechter. Hundertfaches Klatschen. Er parlierte, dass man den Reichen mehr abnehmen müsse, damit mehr Geld für soziale Aufgaben zu Verfügung steht. Ein kurzer Realitätsabgleich erinnerte mich daran, dass es die SPD unter Schröder war, die den Vermögenden Steuersenkungen verschaffte, dadurch eine Umverteilung von unten nach oben förderte. Ein Wahlkampfhelfer der BÜSO bahnte sich den Weg durch den Menschenauflauf und rief: „Das globale Finanzsystem ist tot, wir brauchen ein Neues“ er streckte den Leuten ein Manifest entgegen, die meisten quittierten das mit Kopfschütteln. Weiter hinten platzte ein Luftballon der Grünen, wie ein Versprechen.

Der Sozialdemokrat besprach weiter das Mikrophon. Neulich habe er von einem Staatssekretär gelesen, der 2 Milliarden für eine deutsche Mondmission in die Hand nehmen möchte. „Dieses Geld sollte man lieber in Gesundheitsforschung investieren, um in einer immer älter werdenden Gesellschaft, Demenzkrankheiten wirksamer bekämpfen zu können“, konstantierte der SPD-Vorsitzende und erntete heftigen Beifall, sogar die beiden Senioren im Krachledernen klatschten, die hätte ich eher im christdemokratischen Millieu verortet.

Auch Müntes Forderung nach einem NPD-Verbot erntete zustimmende Ovationen. Er weiß eben genau, was die Dortmunder hören wollen. Auch die beiden ferngesteuerten Lederhosen neben mir applaudierten wieder, ich musste dabei an unseren stümperhaften Verfassungsschutz denken.

Dass so viele Menschen Desinteresse gegenüber der Politik zeigen und nicht wählen gehen, kann der „Agenda-Münte“ gar nicht verstehen, denn:
„Wir alle tragen Verantwortung, jeder von uns kann die Welt im Kleinen verändern“, nun bemühte er eine Geschichte von Berthold Brecht, in der jemand einem Obdachlosen Unterschlupf für eine Nacht gewährte und gefragt wurde, warum er das tut, so könne man auch nicht die ganze Welt verbessern. Müntes Botschaft lautete, dass es eben jene guten Taten Einzelner sind, die unsere Welt Stück für Stück zum Positiven verändern. Unter tosendem Applaus verabschiedet sich Müntefering von der Bühne.

Ich gehe wieder meines Weges. Einige Meter weiter zahlreiche Bettler am Wegesrand, kranke Seelen in menschlichen abgenutzten Hüllen, aus leeren traurigen Augenhöhlen flehend in den vorbeiziehenden Menschenstrom blickend. Überdeutlich ist nun der Kontrast politischer Phrasen zu erlebter Wirklichkeit erkennbar.
„Jemand die Bodo* hier?“ rief ein wohnungsloser Zeitungsverkäufer in die Menge.

Auf dem Rückweg sehe ich noch, wie sich der Genossen-Boss und seine Beschützer zum Geleit, mit drei fetten Luxuslimousinen eilig vom Hof machen. Für die Dortmunder Obdachlosen geht der triste Alltag weiter, wie bisher…wenigstens brachte die Sonne gestern etwas Wärme.

Die Bodo (Bochum/Dortmund) ist eine Zeitschrift, die von Obdachlosen gemacht wird, der Erlös kommt ihnen selbst zugute.

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3 Kommentare zu “Politik und Realität. Müntefering live in Dortmund

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