Ist die Piratenpartei nur eine Internetpartei?

piratenMeine Sympathien für die Piratenpartei sind groß. Hier entwickelt sich etwas Neues. Eine junge Partei, historisch unbelastet. Mitwirkung, Mitgestaltung und Mitbestimmung halte ich bei den Piraten am ehesten für möglich, anders als beim politischen Establishment, wo Machthierarchie und Fraktionsknüppelzwang vorherrschen.

Das Engagement der Piraten gegen den Überwachungsstaat ist unterstützenswert. Die Piratenpartei würde ich als Bürgerrechtspartei bezeichnen, thematisch allerdings noch nicht breit aufgestellt. Die „Piratenpolitik“ scheint zu sehr internetspezifisch. Jenseits der virtuellen Welt werden die Piraten bislang vergleichsweise wenig als politische Alternative wahrgenommen.
Ist die Piratenpartei nur eine „Internetpartei“?


Keine Frage. Datenschutz, informationelle Selbstbestimmung, Rezipientenfreiheit, Überarbeitung des Urheberrechtes sind wichtige Themen, hier besteht zweifelsohne Handlungsbedarf. Der Widerstand gegen einen immer repressiveren Staat, der Kampf für Bürgerrechte ist Bürgerpflicht. Wir brauchen einen gläsernen Staat, keine gläsernen Bürger.
Doch sind in Anbetracht von Rezession und Wirtschaftskrise die sozialen Probleme nicht drängender? Hierzu findet man bei den Piraten (noch) keine ausreichenden Antworten und Lösungsansätze. Die Piratenpartei findet zu sehr im Internet statt. Das Internet wird überschätzt. Soziale Netzwerke lösen keine sozialen Probleme. Solidaritätsbekundungsbanner in der Sidebar des Blogs befreien kein Volk. Das WWW ist nur ein kleines Teil im großen Puzzle. Willst Du wirklich etwas verändern, musst Du aufstehen und aus dem Haus ‚rausgehen. Das traue ich den Piraten durchaus zu, aber sind sie schon soweit? Soll das derzeitige Themenspektrum ausreichen den Piraten meine Stimme zu geben? Will ich meinen bescheidenen Anteil dazu beitragen, dass die Piraten die 5%-Hürde knacken? Fragen, die ich für mich selbst bis spätestens zum 27.September beantworten sollte,…

Zum Abschluss noch ein Dialog, der die Internetaffinität der Piraten übertrieben darstellt:
Bürger: Internet, Internet, Internet, ihr Piraten verhaltet Euch so, als gäbe es nichts anderes.
Pirat: Gibt es denn noch etwas anderes?

19 thoughts on “Ist die Piratenpartei nur eine Internetpartei?

  1. Hier stimme ich Dir zu. Wenn die Piraten wirklich was reißen wollen, dann sollten sie schnellstmöglich ein kleines Stück vom WWW abrücken und sich auch anderen Themen zuwenden. Dann könnte das interessant werden.
    Wie groß der Einfluss des WWW auf die Außenwelt ist, sieht man schön daran, wieviele Leute in der Blogosphäre Piraten wählen würden und wie groß die Stimmenanteile dann real sind.

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    • @Thearcadier: Der Witz ist ja, dass das mit der Ausweitung auf andere Themen gar nicht richtig funktionieren kann. In der Piratenpartei sind Leute der unterschiedlichsten Einstellungen, die nur in einem Punkt gleich denken: Internet. Bis sie sich auch in anderen Punkten einigen, vergehen entweder Jahre, oder aber es passiert nie richtig.

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  2. „Das Internet wird überschätzt.“

    Genau das ist der Punkt. Passend dazu aus dem Internet-Manifest der folgende Unfug: Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.

    Genau das ist falsch, aber die Piraten tun so, als wäre es richtig. Ich finde ihre Anliegen auch unterstützenswert, halte andere Themen aber für tausend mal wichtiger. Zudem kriege ich immer wieder mit, wie unter den Piraten eine Arroganz, anderen politischen Parteien über aufkommt, wie ich sie nicht unterstützen will. Heute habe ich zum Beispiel ein Video bei YouTube kommentiert. Nach nur 5 Minuten hatte mein Kommentar -7 Daumen und wurde dadurch automatisch gesperrt. Habe ich etwas dummes, oder illegales gesagt? Nein, meine Aussage war genau die: ich werde die Piratenpartei nicht wählen, weil es wichtigere Dinge, als das Internet gibt.

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  3. Ergänzung zum Artikel:
    Die Internetdominanz der Piratenpartei wird auch durch die „Twitterspäre“ verdeutlicht. Dort können die Parteien mittels #Hashtag gefolgt von Minus- oder Pluszeichen (Zustimmung oder Ablehnung) bewertet werden (für die, die es noch nicht wissen).
    So sieht’s aus: parteigezwitscher.de

    @moritz

    Das Manifest, verfasst von der „digitalen Boheme“ ist ein gutes Beispiel für die Überschätzung des Internet (und für Selbstüberschätzung). Kein Zweifel, das Web ist ein spannendes hochinteressantes Medium, aber es bleibt letztendlich nur ein Medium, das zwar tolle Möglichkeiten bietet, sich aber auch zu häufig mit sich selbst beschäftigt.

    Der Kommentarbereich von YouTube ist mir schon oft negativ aufgefallen. Dass man bei -7 (Daumen runter) gesperrt wird, wusste ich noch gar nicht.

    @Thearcadier

    Genau. Sollten sich die Piraten auf Internet & Bürgerrechte allein beschränken (ich denke und hoffe nicht, dass sie das tuen), droht ihnen das selbe Schattendasein unter den „Sonstigen“ wie den Violetten oder der Rentnerpartei.

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  4. Also, ich muß mich doch sehr wundern…

    > Bis sie sich auch in anderen Punkten einigen, vergehen
    > entweder Jahre, oder aber es passiert nie richtig.

    Schneller als bei den Piraten habe ich Demokratie noch nie funktionieren sehen…
    Bei jeder Streitfrage taucht fuer ein paar Stunden eine Umfrage auf und dann ist an dem Thema ein Haken dran.

    Die Themen wachsen in geradezu atemberaubenden Tempo.
    Bitte einfach selbst überzeugen:
    http://wiki.piratenpartei.de/Kategorie:Themen

    Auf dem nächsten Parteitag wird abgestimmt und dann kommt auch alles ins Parteiprogramm…

    Informier Dich!

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  5. Du sagst sie haben keine Antworten auf Wirtschaftskrise und co. aber müssen sie das überhaupt? Es gibt ja die anderen Parteien und die Piraten werden mit Sicherheit keine absolute Mehrheit bekommen. Nach der Wahl sind 4 Jahre Zeit Positionen auszuarbeiten.

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  6. @Flexi: und @Ben: Nach der Wahl ist mir bei dieser Wahl wurscht. Ganz ehrlich. Wenn die Piraten in vier Jahren soweit sein sollten – kein Problem, aber bei dieser Wahl wähle ich nach den Wahlprogrammen, die da sind – und das ist bei den Piraten reichlich wenig.

    Zudem mag es ja sein, dass die Demokratie bei den Piraten einwandfrei wächst. Das heißt aber doch nicht automatisch, dass ich ihre Ansichten teile. Und wie gesagt: wenn das Programm vernünftig aufgebaut sein soll, und die meisten Piraten damit zufrieden sein sollen, dann geht das nicht an einem Parteitag und ich denke auch nicht, dass die angesprochenen vier Jahre dazu reichen werden.

    Die Grünen haben das geschafft, wobei man da anmerken muss, dass einfach eine Generation von Leuten, mit EINER Einstellung an den Start gegangen ist. Und das in den meisten Fällen, nicht nur in Sachen Umwelt. Bei den Piraten ist das nicht so – hier treffen Leute aufeinander, die wahnsinnig verschiedene Ansichten haben.

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    • Ist es gewollt, dass beide Links zum gleichen Ziel führen?

      Der interviewte Pirat hat die Geschichte hier aus seiner Sicht geschildert. Das relativiert die Sache meines Erachtens. Die Piraten sind halt (noch) keine Medienprofis.

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  7. Ja, war gewollt, da ich mir nicht sicher war, ob der kurze Link funktioniert.

    Die Erklärung habe ich auch gelesen, aber mal eben kurz googeln, um mal zu schauen, wer einen da befragen will, das sollte bei einer Partei, deren Hauptanliegen das Internet ist, schon drin sein.

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  8. Hatten die anderen Parteien von Beginn an ein Parteiprogramm, das sämtliche gesellschaftlich relevanten Punkte/Sachverhalte abdeckte? Meines Wissens nicht.
    Die Grünen z.B. haben sich zu Begnn ausschließlich um ökologische Themen gekümmert. Die Piratenpartei bringt Themen ins politische Leben ein, um das sich andere Parteien nicht kümmern – das ist ausreichend Legitimation. Kritisch wäre die Fixierung auf die wenigen Themen nur, wenn die Piratenpartei nach der Wahl die Regierung stellen soll, was aber wohl selbst bei größtem Optimismus nicht der Fall seinw wird.

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  9. Pingback: RTFM!

  10. Zu dem Interview: Die Aussage der Piraten auf SPON, „Wer zurückgeht, kann nur verlieren.“ macht sie mir wieder unsympathischer – und auch dass sie es einfach nicht packen, sich auf Dauer vom rechten Spektrum zu distanzieren. Das ist mir zur Zeit einfach alles zu schwammig.

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