Über Geld spricht man nicht

Ich werde das nie vergessen. Eines Tages setzte sich mein Kumpel neben mich. Er stammt aus Leipzig und hatte kurz vor der Wende „‚rübergemacht“ wie man in Sachsen zu sagen pflegt. Er schob mir ein Stück Papier herüber und sagte:

Ich weiß, bei Euch im Westen ist es nicht üblich, dass man sich den Lohnstreifen zeigt, aber gucke mal was ich letzten Monat verdient habe

Ich war für einen Augenblick sprachlos. Er hatte Recht, bei „uns im Westen“ macht man eher ein großes Geheimnis darum, wie hoch das eigene Einkommen ist.
Hier spricht man nicht übers Geld, entweder man hat es oder man tut so, als ob man es hat,…

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11 Kommentare zu “Über Geld spricht man nicht

  1. Dass man nicht über Löhne spricht, gehört zu den haltbarsten Mythen der Arbeitswelt. Ich habe schon mehrfach sagen gehört, dass das Ausplaudern der eigenen Verdiensthöhe einen Entlassungsgrund darstellen würde, aber noch nie einen schriftlichen Beleg dafür gefunden. Das quasi verordnete Schweigen ist dabei eine gute Stütze der Ungleichheit.

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  2. ich bemerke, wie sich die phänomene des stillschweigens und der aufrechterhaltung des scheins ostwärts ausbreiten. viel zu tun haben dadurch auch die schuldnerberatungen (schulden sind meines erachtens noch stärker mit einem tabu belegt). wenn man das thema gehalt dann doch anspricht, merkt man schnell, daß nicht jeder nach tarif bezahlt wird. während man vorher nur an gehaltserhöhung dachte, zermürbt man sich dann den nüschel, wie man seine ansprüche durchsetzen kann. der betriebsrat kann weiterhelfen, wenn es einen gibt oder notfalls das arbeitsgericht. das hat dann manchmal zur folge, daß man weder einen job hat, noch die gerichtlich festgestellten nachzahlungen jemals erhält. dieser mythos, die arbeitsmarktsituation sowie die zunehmende aufweichung des arbeitsrechts helfen den arbeitgebern, jede diskussion im keim zu ersticken. dennoch sickert manchmal was durch, wie z.b. der fall schlecker xl. die regierung sieht hier keinen handlungsbedarf, wie anfragen der opposition belegen. es ist deshalb wichtig, nicht alleine zu agieren, sondern sich zu verbünden, um den forderungen nachdruck zu verleihen…

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  3. Dank Euch für Eure Kommentare, ich stimme Euch zu, außer dass ich es nicht für einen Mythos halte, dass man nicht über den eigenen Lohn redet, es entspricht meiner persönlichen Erfahrung, dass man sich da reichlich bedeckt hält, darum hat mich mein Kumpel damals auch ziemlich überrascht.

    Habe passend zum Thema einen SPON-Artikel entdeckt:

    Tabuthema Gehalt

    Daraus geht hervor: Je höher das Einkommen, desto größer die Verschwiegenheit. Überrascht mich nicht wirklich.

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  4. hm, eigentlich ist der neidfaktor ziemlich logisch. aber andererseits läßt sich ein luxuriöserer lebensstil auch schwer verbergen. ich nehme aber nicht an, daß die designerkollektion nur im wohnzimmer getragen wird ;-). natürlich könnte man das auch auf ein erbe zurückführen…

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  5. Wobei die Neiddebatte sowohl von „oben“ als auch von „unten“ geführt wird. Während der „kleine Mann“ dem Millionär seinen privaten Fuhrpark neidet, gönnt der Reiche dem „Hartz4-Empfänger“ nicht die Butter aufs Brot.

    Ein großspuriger Lebensstil ist wahrlich schwer zu verbergen, obgleich dieser nicht selten auf Pump basiert. Soziale Unterschiede sind anscheinend von „gewissen Leuten“ gewollt und die lieben es auch diese zu zeigen,…

    Dem oben verlinktem Spiegel-Beitrag muss ich aber auch teilweise widersprechen: Dort wird behauptet in den oberen Gehaltsstufen käme es nicht mehr auf Tarifverträge, sondern auf „Leistung“ an. Ich meine, dass die Leistung oftmals in keinem gesunden Verhältnis mehr zum Einkommen steht, sondern vielmehr die Machthierarchie innerhalb eines Unternehmens widerspiegelt.

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  6. ich halte sozialneid nach wie vor für eine der gesellschaftskrankheiten schlechthin. wobei ich vermutlich selbst nicht ganz frei davon bin. das bezieht sich bei mir fast nur auf handwerkliche, künstlerische oder geistige dimensionen und nicht auf materielle werte oder gar ’schönheit‘. wobei ich eben auch schon in den gesellschaftlich gering geschätzten und unterbezahlten jobs gearbeitet habe (vgl. spon-artikel: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,666917,00.html), um mein studium zu finanzieren. wohl deswegen habe ich für diese menschen so viel wertschätzung übrig, denn sie machen einen knochenjob, verdienen aber fast nix. am schlimmsten finde ich, wie du von manchen dieser schnösel behandelt wirst, weil sie dich für dumm und minderwertig halten… aber das ist schon wieder ein anderes thema.

    ich bin jedenfalls der auffassung, daß nicht jeder das verdient, was er verdient und eine lange ausbildung oder eine hohe verantwortung die gehaltsschere nicht rechtferigen. ist es ein verdienst, mehr grips zu haben oder hat man nicht einfach viel glück und zusätzlich vitamnin b? ich leugne nicht, daß sich manche mehr anstrengen als andere. das sollte man honorieren. du hast recht, daß diese relationen ziemlich verrückt sind.

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  7. lieber tom,

    zu blöd, da wäre nämlich eigentlich die studie verlinkt gewesen, die du gestern als beitrag „die wahren leistungsträger (2)“ kommentiert hast. deshalb spare ich mir dort den kommentar, weil das eigentlich hier stehen sollte als hinweis… ich wurde von spon gelinkt ;-). naja, das internet ist eben manchmal ein etwas zu gieriger müllschlucker. gerne schreibe ich auch ausführliche kommentare und drücke dann statt auf absenden auf abbrechen… noch fragen? ein freund beschrieb meinen arbeitsstil am computer mal so: press esc to enter.

    schönen tag dir!

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  8. Gehalts -oder Lohnvereinbarungen unterliegen meist der Verschwiegenheitsklausel im Arbeitnehmervertrag. Einfach mal reinschauen in den eigenen Arbeitsvertrag.
    Verstöße dagegen sind nach meinem Wissen ein rechtlich anerkannter Entlassungsgrund.

    Und hat sicher nichts mit Ost-West zu tun.

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  9. Nicht alles was im Arbeitsvertrag steht, ist rechtsgültig. Klauseln, welche eine Verschwiegenheit über das Einkommen fordern, dürften unwirksam sein:

    […]
    Arbeitsvertragsklauseln unterliegen einer strengen Inhaltskontrolle, weil der normale Arbeitnehmer keine Wahl hat, einen entsprechenden Einfluss auf einen Formulararbeitsvertrag des Arbeitgebers zu nehmen. Wenn die Klauseln unverhältnismäßig sind und Mitarbeiter einseitig benachteiligen, sind sie unwirksam (§ 307 BGB).

    Eine Klausel, nach der man verpflichtet sein soll, mit Dritten oder gar Kolleginnen und Kollegen nicht über das eigene Gehalt zu reden, würde einer Inhaltskontrolle durch die Arbeitsgerichte nicht standhalten. […]
    Vollständigen Text lesen: Verschwiegenheitspflicht: Muss ein Arbeitnehmer über sein Gehalt schweigen? von Rechtsanwalt M. Felser

    Die Unterschied zwischen Ost und West besteht (bestand) in der Mentalität.

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