Dieter E. macht sich Sorgen

Dieter E. ist, genau wie Pocke, einer meiner Freunde vom leidenden Leben. Dieter E. macht sich Sorgen über seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Nach 25 Jahren Erwerbstätigkeit ist er nunmehr seit über 2 Jahren ohne Job, obwohl er Bewerbungen im dreistelligen Bereich geschrieben hat. Bei seinen letzten drei Anstellungen hat man ihn jeweils nach kurzer Zeit wieder entlassen, sie sagten er sei nicht produktiv genug. Auf dem immer mehr entmenschlichten Arbeitsmarkt weht ein rauer Wind, der ihm fortwährend eiskalt ins Gesicht weht.

Mittlerweile bildet sich Dieter ein, dass er von jedem, dem auf der Straße begegnet, mit vorwurfsvollen Blicken bedacht wird, weil er noch immer arbeitslos ist. Es fühlt sich an, als könne man ihm das ansehen, als sei auf seiner Stirn tätowiert: Nutzloses Mitglied der Gesellschaft. Die abgestandene Phrase „Jeder, der sich bemüht, findet Arbeit“ kann er nicht mehr hören. „Haben diese Verbalwiederkäuer schon mal in eine Zeitung unter der Rubrik Stellenanzeigen geguckt?“ höre ich ihn öfters sagen. „Mindestens 80% der Jobangebote sind gefühlt unseriös, von Wegen Kugelschreiber montieren, Callcenter oder Geld-von-zu Hause-verdienen.de, die restlichen 19% sind Zeitarbeit, also summa summarum 99% unseriöse Stellenangebote.“

Dieter E. war einst 13 Jahre lang in einem mittelständischen Familienunternehmen beschäftigt. Die älteren Arbeitnehmer werden sich erinnern: Es war jene Zeit, als Weihnachts- und Urlaubsgeld noch selbstverständlich waren und man für die 35-Stunden-Woche streikte. Es war die Zeit als Dieter E. noch Illusionen hatte, zum Beispiel jene, dass er seinen Arbeitsplatz bis zur Rente sicher hatte. Dieser Traum zerplatzte, als sein ehemaliger Chef plötzlich den Einfall hatte, die Firma gegen die Wand zu fahren, d.h. in die Insolvenz laufen zu lassen. Die Mitarbeiter fanden es zunächst merkwürdig, dass alle Firmenfahrzeuge, umgemeldet wurden und anschließend auf dem Namen des Chefs oder seiner Familienangehörigen liefen. Erst später wurde ihnen klar: Die Luxuskarossen sollten nicht in die Insolvenzmasse fallen. Eine abgekartete Sache.

Als der Insolvenzverwalter, ein milchgesichtiger Jurist, zur versammelten Belegschaft mit unterkühlten Worten sprach, wurde klar wohin die Reise ging:

Wir werden uns von 30% der Mitarbeiter trennen müssen, die werden in den nächsten Tagen freigestellt. Vom Rest erwarten wir dass sie mindestens 120% Einsatz bringen, nur so ist die Firma vielleicht noch zu retten

Ein Raunen ging durch den Saal. Man sah sich einander ängstlich an, fragte sich wer wohl zu den 30% gehören wird. Diejenigen, die die Suppe nicht eingebrockt hatten, mussten sie auslöffeln. Die wie ein Damoklesschwert im Raum stehende Frage wurde indirekt beantwortet, der Insolvenzverwalter sprach einen Satz den Dieter E. nicht so schnell vergessen würde:

Entscheidend ist die Produktivität. Ich werde mir die Zahlen ganz genau anschauen. Es ist irrelevant wie kollegial, freundlich oder lustig der Mitarbeiter war und ob er für gutes Betriebsklima sorgte, mich interessieren die Zahlen, nur die Zahlen,…

Der arbeitende Mensch wurde auf Nummern und Zahlen reduziert. Dieter war ‚raus. Offiziell hieß es: „Sie stehen ab sofort dem Arbeitsmarkt zur Verfügung….“

Das Glück verließ Dieter (noch) nicht. Er fand Monate später wieder einen Job und einen Chef der noch einen Rest von dem hatte, was man eine soziale Einstellung nennen konnte.Eine Rarität. Dieses Arbeitsverhältnis hielt immerhin drei Jahre, bis es auch dort bergab ging, wegen zunehmend schlechterer Auftragslage. Die Arbeit blieb aus und Dieter musste gehen. Anschließend hielt er sich mit temporären Beschäftigungen über Wasser, landete zwischenzeitlich in der Arbeitshölle UPS (dazu später mehr in diesem Blog), wurde später einmal als „Praktikant“ ausgenutzt, bis er schließlich aufs Hartz4-Abstellgleis geschoben wurde.

Heute, zwei Jahre später, fühlt er sich wie menschliche Ausschussware, abgewrackt wie eine gebrauchte Maschine. Dabei ist er doch noch gar nicht so alt. Sie suchen jüngere Leute, möglichst 23jährig mit 25 Jahren Berufserfahrung und ohne familiäre Bindung. Er erinnert sich noch gut an die Worte seines früheren Personalchefs.

Ich stelle nie wieder jemanden mit Kind ein! Die Kinder sind dauernd krank und der Angestellte rennt dann jedes Mal nach Hause…“

Dieter E. ist froh, dass er noch nicht dem Suff verfallen ist. Entgegen der Talkshow-Realität, gibt es doch tatsächlich nicht wenige ALG2-Bezieher, die nicht saufen. Alkohol war und ist nicht Dieters Problem. Viel mehr fürchtet er die psychisch-seelische Belastung durch gesellschaftliche Ausgrenzung.
Seine derzeitige Zukunftsperspektive ist Hartz4 für immer, inklusive Verfolgungsbetreuung. Dieter E. macht sich Sorgen,…

Advertisements

3 Kommentare zu “Dieter E. macht sich Sorgen

  1. Ja, genau so isses. Jeder, der in dieser unpersönlichen, menschenverachtenden Bürokratie steckt, steckte, davon bedroht ist oder sich einfach mit den Realitäten beschäftigt wird das nicht vergessen und sollte daran denken, wem das zu verdanken ist.

    Und die sPD steht tatsächlich immer noch da, wundert sich über 20% und sagt nur weiter so und Danke, Gerd!

    UN-GLAUB-LICH

    Gefällt mir

  2. Solche Geschichten gibt es im Netz zuhauf. Nur eine machbare Alternative scheint niemand für Dieter auch hier zu haben.
    Und Dieter wurde von seinen damaligen Kollegen im Stich gelassen; sie dachten nur an sich. Vielleicht ist es Dieter ein Trost, daß seine damaligen Kollegen heute für ihr unsolidarisches Verhalten nun auch auf dem Weg ins Abseits sind. Denn wir sind erst am Anfang allen Übels !

    Gefällt mir

  3. Ja, solche Geschichten gibt es tausendfach, wenn nicht gar millionenfach. Jede Einzelne muss erzählt werden, um den Lügen die tagtäglich über den faulen sozialschmarotzenden „Hartzer4er“ verbreitet werden, entgegenzuwirken.
    Und ja „Ritter1“ hat Recht, es wird noch schlimmer! Man muss sich nur mal regelmäßig diese Meldungen durchlesen:
    Betriebliche Dienste oder hier bei Egon W.Kreutzer nachlesen.
    Streiks, Kündigungen, Entlassungen, Firmenpleiten,..es lässt sich erahnen wohin die Reise geht,…und in den Medien schwadronieren Politiker und Pop-Ökonomen vom angeblich guten Geschäftsklimaindex, über Exportplus und Wirtschaftswachstum…blah, blah, blah,..

    Übrigens: Die Firma von Dieter E. hat 3 Monate später endgültig dicht gemacht. Alle verloren ihren Job, war eigentlich von Anfang an klar.

    […] Vom Rest erwarten wir dass sie mindestens 120% Einsatz bringen, nur so ist die Firma vielleicht noch zu retten […]

    Das war eine bedeutungslose Sprechblase, sagt wohl jeder Insolvenzverwalter, dummes Geschwätz eben,…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s