Und wieder ging im Osten die Sonne auf

Manchmal sind es die flüchtigen Momente, jene die nur Sekunden andauern, die einen ganzen Tag versüßen können.  Es war an einem grauen tristen Donnerstag, er machte seine tägliche Runde. Das knallige Orange seiner Arbeitskleidung hatte kaum eine Chance gegen die trübe Stimmung, die in der feuchten Luft hing. Er stoppte seinen Müllwagen bei den Altpapier- und Altglascontainern, schnappte sich einen Plastiksack, schwang sich von seinem Fahrersitz und stapfte in den Nieselregen. Seine Aufgabe bestand darin, den Platz rund um die Container sauber zu halten. Er sah sich um, sammelte mühseelig einige Papierschnipsel auf, die durch den Regen aufgeweicht waren und am nassen Asphalt klebten. Plötzlich stand sie da, ihm den Rücken zugewandt.

Sie hielt einen grauen Regenschirm, passend zur Farbe des Himmels. Über ihrem Arm hingen die Schlaufen einer Tragetasche aus der sie Flaschen nahm und in den Altglascontainer warf. Sie trug eine dunkelgrüne Jacke und eine weiße Hose. Ihre schwarzen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Er grüßte freundlich lächelnd, rechnete nicht mit einer Reaktion, doch sie drehte sich herum, strahlte ihn an wie ein Sonnenaufgang und hauchte ein fröhliches „Hallo“. Ihr asiatisches Lächeln war nicht das gequälte Lächeln einer jungen Frau, die einem in der Fußgängerzone ein Werbeprospekt entgegenstreckt, es war nicht das aufgesetzte Lächeln einer Verkäuferin und es war auch nicht das gefälschte Lächeln eines Models, es fühlte sich an wie etwas, das aus tiefstem Herzen kam. In diesen Augenblicken, die sich trafen schien die Zeit stehen zu bleiben. Für einen Moment lang stand er auf einer sonnendurchfluteten Lichtung, bis die treue Realität anklopfte.

Der Regen wurde stärker. Er setzte seine Arbeit fort, sie ging ihres Weges. Er bugsierte die Mülltüte mit dem eingesammelten Papier auf die Ladefläche und kletterte zurück ins Führerhaus. Er drehte den Zündschlüssel, startete den Motor, fuhr an und bog rechts um die Ecke, da sah er sie nochmals auf dem Bürgersteig. Sie sah sich erneut um. Er fuhr Schritttempo, als er sie passierte, schaute durch das Beifahrerfenster, sie drehte den Kopf und schenkte ihm ein weiteres Lächeln und wieder ging die Sonne im Osten auf. Er bedauerte, dass er weiter musste, aber die Pflicht rief. Er gab etwas Gas, sah noch einmal in den von Regentropfen verzierten Seitenspiegel, da war sie verschwunden, womöglich hinter einen der Hauseingänge. Der Traum war aus. Er seufzte, wahrscheinlich wird er sie nie wieder sehen, doch an jenem grauen Donnerstag hatte sie seinen Tag gerettet. Kurze Zeit später brach die Wolkendecke auf,…

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3 Kommentare zu “Und wieder ging im Osten die Sonne auf

  1. lieber tom

    ich mag ja solche tagträumereien, in denen sich die wahrnehmung um das 100fache verschärft und die details sich im gedächtnis verankern. man möchte ungläubig blinzeln, sich kneifen und reißt die noch weiter augen auf. zwischendurch blitzt die hoffnung und die sehnsucht.

    ein traumhaftes wochenende wünscht dir die wortfeile

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  2. Ist es nicht wunderbar, wenn man es versteht so einem Augenblick mit offenem Herzen zu begegnen? Dazu gehörten die Zwei, die es zugelassen haben. Es lohnt sich mit offenen Augen und Herzen durch die Welt zu gehen. Das Glück des Alltags.

    Liebe Grüße,
    Emily

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  3. @Wortfeile

    Hast Du sehr schön beschrieben. Der schnelle Strom der Zeit, der uns alle mitreißt, lässt leider oft solche Situationen nicht zu. Manchmal ist es so, als klammere man sich an dem Geäst, welches über den reißenden Fluss hängt, kann sich einen kurzen Moment festhalten, bevor der dünne Ast bricht und wir werden wieder fortgerissen, im Strom der Zeit,..

    @Emily

    Wunderbar formuliert 🙂
    Würden sich mehr Menschen mit offenen Herzen auf Augenhöhe begegnen, wäre diese unsere Welt ein besserer Ort. Hach, bin ich etwa ein (Sozial)Romantiker?

    Liebe Grüße Euch Beiden und vielen Dank für Eure schönen Kommentare.

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