Der Fliegenschiss

Während der Rechner hochfährt, verbindet sich die Netzwerkkarte mit dem Modem. Das Tor zur virtuellen Welt ist aufgestoßen. Kurz darauf setzt sich der Desktop aus 1280×1024 Bildpunkten zusammen. Er startet den Browser. 2 Klicks später wird eine Webseite dargestellt. Der digitale Globus ist eingespeist. Per Mausklick folgt er den Links, hüpft sekundenschnell von Kontinent zu Kontinent. Datenströme fließen durch Leiterplatten. Er ist gefangen, zappelt im Internetz. Er scrollt rauf, er scrollt runter. Pixel, die Grafiken und Buchstaben bilden, bewegen sich in vertikaler Richtung. Nur ein kleiner schwarzer Punkt bleibt beharrlich an gleicher Stelle, wie ein Fels in der Datenbrandung. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich dieser kleine Punkt als hundsgewöhnlicher Fliegenschiss auf dem Monitor, der den Unterschied zwischen virtueller und realer Welt symbolisiert.


Der pedantische Anwender ist genervt, versucht mit der Fingerkuppe die Ausscheidung eines lästigen Insekts von seinem Bildschirm zu entfernen. Das Resultat dieses stümperhaften Bemühens ist, dass die Fliegenkacke nun durch einen Fettfleck überlagert wird. Zornesfalten entstehen auf der Stirn des Users. Er verlässt den Raum. Wenig später kehrt er mit Spülmittel, einem weichen Tuch und einem Fläschchen, welches eine klare Flüssigkeit enthält, zurück. Den Aufkleber mit der Aufschrift „Verdünnung“ hätte er vor Wochen nicht von der kleinen Flasche  abkratzen sollen, wie er später noch bereuen wird. Bei weniger Hast hätte ihn sein Geruchssinn gewarnt. So tränkt er das weiche Tuch mit der klaren Flüssigkeit, die er für destilliertes Wasser hält und gibt ein Tropfen Spülmittel hinzu. Mit sanften Druck und kreisenden Bewegungen reibt er über die Stelle, die seinen Blick in die virtuelle Welt trübt und an die Unzulänglichkeiten der realen Welt erinnert. Fettfleck mitsamt Fliegenschiss verschwinden, ein triumphales Grinsen erscheint auf dem Gesicht des Mausbedieners. Er bringt seine Reinigungsutensilien weg und kommt mit einer heißen Tasse Kaffee zurück, die er auf seinem PC-Schreibtisch abstellt.

Er taucht wieder ein in die unendlichen Weiten des Netzes, springt per Mausklick von einem Sozialen Netzwerk zum nächsten, weil er dort so viele Freunde hat. Er hangelt sich durch Foren, schwebt durch Myspace, schaut ins Facebook und andere digitale Wundertüten, landet schließlich bei Blogs. Er srollt rauf, er scrollt runter. Pixel, die Grafiken und Buchstaben bilden, bewegen sich in vertikaler Richtung.  Nur die hellgraue Trübung an jener Stelle, wo eben noch der Fliegenschiss garniert mit Fettfleck war, wo nun die Oberflächenbeschichtung des Flachbildschirmes durch Verdünnung zerstört ist, verbleibt hartnäckig an gleicher Position, wie ein Anker im Datenozean. Sie manifestiert die Grenze zwischen Pixel- und Realwelt.

Dem Anwender beschlägt die Pupille, seine Petersilie ist verhagelt. Er schlägt wütend mit der Faust auf den Computertisch. Die Tasse kippt um, der heiße Kaffee ergießt sich über die Tastatur. Die Fliege sitzt auf dem großen LCD-TV nebenan, reibt sich vor Lachen die tränenden Facettenaugen, scheißt in freudiger Erregung auf die Bildfläche des Fernsehers und stirbt glücklich, schließlich ist sie eine Eintagsfliege. Für den Mausdrücker ist der heutige Ausflug ins Internet beendet, er wird die Maus heute nicht mehr drücken. Wegen der Verdünnung hat er einen dicken Hals und beschließt, während er damit beschäftigt ist, die Sauerei wegzumachen, sich morgen einen 22-Zöller zu kaufen und eine Fliegenklatsche,…

 

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6 Kommentare zu “Der Fliegenschiss

    • Hab’s gefunden 🙂
      Sehr unterhaltsam und interessant. Danke für Deinen Vorschlag für einen Award. Zuviel der Ehre.

      Habe übrigens einen kleinen Kratzer auf meinem Monitor. Ich befürchte bei mir sind die Fliegen Schlittschuh gelaufen,… 😦

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