„Wirtschaftsflüchtlinge“

Da dieser Begriff aus dem Politsprech aufgrund der aktuellen Situation in Nordafrika momentan wieder häufiger missbraucht wird, ist die Zeit reif für eine Klarstellung. Unter „Wirtschaftsflüchtlinge“ werden pauschal und in zynisch menschenverachtender Art fälschlicherweise oft auch Menschen eingruppiert, deren einzige Perspektiven in ihrem eigenen Land Anomie, Armut, Elend und Krieg sind, die sich in ihrer ausweglosen Verzweiflung schweren Herzens entschließen ihre Heimat, Familie und Freunde zurückzulassen, um im „goldenen Westen“ eine bessere Zukunft zu finden. Dafür riskieren sie ihr Leben, indem sie die Überfahrt übers Meer auf einem seeuntüchtigen Seelenverkäufer wagen, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass nicht alles gold ist was glänzt. Oftmals wird bei der Titulierung „Wirtschaftsflüchtling“ nicht zwischen Flüchtlingen im Sinne des UNHCR und „Wohlstandsflüchtlingen“ unterschieden.

Die Flüchtlinge müssen schnell erkennen, dass sie im Gegensatz zu den Rohstoffen ihres Landes, nicht willkommen sind.  Falls sie nicht auf hoher See oder vor den Küsten Europas absaufen, stattdessen von den Reisestrapazen ausgemergelt das europäische Festland erreichen, droht ihnen Lager und Abschiebehaft, schließlich sind sie „illegale Menschen“, die im sogenannten „Westen“ keine Existensberechtigung haben.

Nun zu einer m.E. besseren Definition des Wortes Wirtschaftsflüchtling: Ein Wirtschaftsflüchtling ist ein Politiker, der sich korrumpieren lässt und  seine Macht dafür missbraucht im Interesse der Wirtschaft zu agieren, anstatt das Volk zu vertreten.  Er benutzt seine politischen Aktivitäten dafür, um an seiner außerpolitischen Karriere zu bauen, z.B. um sich einen Vorstands- oder Aufsichtsratsposten bei einem Großkonzern zu reservieren. Anschließend flüchtet er aus der politischen Verantwortung in die Wirtschaft. Dort nimmt er auf einen bequemen gut dotierten Aufsichtsratsessel Platz, vielleicht tritt er auch als Schriftsteller in Erscheinung oder lässt sich als Mietmaul  teuer bezahlen. Kraft seines politischem Amtes hat er ja vorgesorgt,…DAS IST EIN WIRTSCHAFTSFLÜCHTLING!

13 thoughts on “„Wirtschaftsflüchtlinge“

  1. Ich habe eine schlimme Vision für uns, in einigen Jahren, wenn wir denn die Mauer perfekt errichtet haben und wir alle Wirtschaft aus Europa, also auch alle Technologie ausgelagert haben, stellen sie nur noch Wachen auf der anderen Seite auf, unsere Waffen haben sie ja auch und dann lassen sie keinen mehr raus. Als ich vor Jahren in Kenia war, mußte ich schon feststellen, das sie uns in wirtschaftlichen Fragen nur noch dulden. Warum hat Odinga die Wahl nicht gewonnen…. Er sagt „Kenia den Kenianern“… mehr dazu bald. Bin nicht im Karneval, sondern ein bißchen im Streß, Trotzdem helau an die Gemeinde viele Grüße Mike

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  2. Erstmalig hörte ich den Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ aus dem Mund des Ex-Innenministers Otto Schily. Vermutlich fungierte er schon während seiner Amtszeit als Bückstück der Firma SAFE ID Solutions AG, Wikipedia verrät uns dazu:

    Otto Schily wurde nach seiner Zeit als Bundesinnenminister Aufsichtsrat bei der Firma SAFE ID Solutions AG (Unterhaching). Diese Firma bietet Lösungen zur Personalisierung von Ausweisdokumenten an. Als Bundesinnenminister war Otto Schily ein maßgeblicher Wegbereiter der Einführung des kontrovers diskutierten biometrischen Reisepasses (epass). Nach seinen Angaben liegt die eigene finanzielle Beteiligung an der Firma unter einem Prozent. Quelle

    So läuft das. Auch Otto Schily ein mutmaßlicher Wirtschaftsflüchtling. Und die Gesellschaft akzeptiert das klaglos.

    Zu Kenia: Wenn die Politiker dort, als Retourkutsche die Abschottungspolitik Europas kopieren, nützt das dem kenianischen Volk m.E. wenig, eher schadet es. Ich erinnere mich noch an Zeiten, wo ein Kenianer mit einem einfachen handgeschrieben Einladungsbrief noch Deutschland zu seinem Gastgeber reisen durfte. Heute gilt Visumspflicht (auch für Deutsche, die nach Kenia reisen wollen). Was man alles anstellen und vorweisen muss, um die Bedingungen zur Erteilung eines Visums für Kenianer zu erfüllen,…Wahnsinn!

    P.S. Habe den ersten Absatz ein wenig überarbeitet, ich fand die Formulierungen etwas zu unpräzise und zu lax😉

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  3. @tom
    im Grunde genommen gebe ich Dir Recht, es hat sich eine polit. Kaste herausgebildet, die die Fäden in der Hand hält und somit ist es richtig, was Du zur Situation des kenianischen Volkes schreibst. Gerade jetzt im Vorfeld der anstehenden Wahlen im nächsten Jahr, ist das deutlich zu spüren, wer Handlanger von internationalen Konzernen ist und wer nicht. Sollte sich Odinga, der eine große Sympatie in einfachen volk besitzt, durchsetzen können, ist es durchaus möglich, das sich das ändert. Er hat die Repressalien alle selbst erlebt, teilweise selbst durch Kibaki als rechte Hand von Moi, mehrere Jahre Inhaftierung, Exil in Schweden, Norwegen etc.Der Kern von ODM will eine verstärkte nationale Politik, siehe auch MwaKenya, aus dessen Sammelbecken sein Vater kam und auch Raila kommt. Ich habe die Befürchtungen, das die Gräben in 1 1/2 noch tiefer sein werden als am 27.12.07, weil gerade durch die USA und Europa im Vorfeld massiv Einfluß genommen wird und man dabei ist das Orange Democratic Movement zu spalten, damit alles beim Alten bleibt. Hast Du Dir das Video von Picha Mtaani (Straßenausstellung) mal angesehen?
    Wie sich doch die Bilder gleichen, von Chefverteidger der RAF zum Wirtschaftsboss….

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  4. NaNa, Leutz! Ihr habt das von Otto Sch. irgendwie falsch verstanden! Er meinte wohl, ein ‚Wirtschaftsflüchtling‘ ist sowas wie Gerd Schr¨— weil in D nicht mehr viel zu holen war, wohl aber bei GasP.. und …Zeitung und etcpp.
    Wie könnte man z.B. einen Kenianer oder Tunesier oder Ägypter, der sein Heil als ‚habibi‘ in D/A/CH als missbrauchter junger Ehemann einer 65++ Jährigen sucht, oder eine/n Mexikaner/in, Guatemalteken/in, die die existentielle wirtschaftliche Grundlage ihrer daheimgebliebenen Grossfamilie durch einen illegalen unregelmässigen, sklavenähnlichen Putzjob auf der anderen Seite der nördlichen Grenze als ‚Wirtschaftsflüchtling‘ schimpfen? Diese Menschen und ihre Familien wollen doch nur überleben!
    Tja, irgendwie hat Schily’s Theorie sich bis Arizona durchgesetzt….

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  5. Also halt, das ist ja eigentlich anders herum, die alte Dame sucht sich einen schicken, knackigen Kerl in Kenia als Sextouristin in inkognito aus und beschenkt ihn reichlich, ich habe es erlebt! Da ich öfter Geld nach Kenia schicke, habe ich auch das Gefühl, wie viele Familien, ohne jemand hier für Billigstlohn Arbeitende zu haben, zu Hause nur schwerlich überleben würden. Diese sind über die ganze Welt verstreut. Ndinas Mann z.B. arbeitet seit über 10 Jahren in Australien und hat sein Kind wahrscheinlich noch nie gesehen.
    Habe ich mit Arizona und Herrn Schily was verpaßt?

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  6. Ich bezog mich hier auf die Arizona Bill „SB1070“ der Senatorin Brewer. Demnach muss jeder Ausländer, jederzeit lückenlos dokumentieren können, dass er legal im Lande ist. Selbst bei geringsten Zweifeln dürfen diese Migranten zu polizeilichen Verhören abgeführt und abgeschoben werden. Waren diese Migranten bis dato die stillschweigend geduldete, aber auch benötigte, weil billige, jederzeit austauschbare, Arbeitskraft, vor allem in Klein- und Mittelbetrieben, privaten Haushalten etc. wurden sie schlagartig zur Bedrohung der Volkswirtschaft als man ihnen das Attribut „Wirtschaftsflüchtling“ aufstempelte, denn erst mit diesem ‚Feindbild‘ begriff in den bereits wirtschaftlich gebeutelten USA selbst der Letzte, dass diese Leute ihnen Arbeit, Einkommen, Wohlstand wegnehmen wollen. Nun, seitdem rollt die Abschiebewelle. Und legal kommt kaum mehr ein Latino ins Land.

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  7. @ Vallartina
    Danke für die Nachhilfestunde, nun verstehe ich den Zusammenhang.
    Wußtest Du, das Europa es viel eleganter realisierte? Circa 2000 Flüchtlinge und es waren weitere geplant wurden von Italien aus nach Libyen abgeschoben („Ist Libyen Hinterhof europäischen Flüchtlingspolitik“). Ähnliches war in Tunesien auch geplant, also gleich wegfangen und dort einlagern! Hatten wir das nicht schon mal?

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  8. Oh, bitte, Mzungu mike, ich wollte hier nicht Lehrer spielen!
    Ja, wir hatten genau das schon mal in unserer deutschen Geschichte!
    Ich habe nie in Libyen gelebt, wohl aber in afrikanischen Ländern. Von daher kenne ich das Problem der – ja sagen wir eben doch – „Wirtschaftsflüchtlinge“, diesmal im klassischen Sinn. Ich konnte und kann es diesen Menschen nicht verdenken, schlicht nach einem Leben mit täglich Essen, Schilbildung ihrer Kinder und vernünftiger Kleidung zu streben. Den Versuch zu stemmen, selbst, aus eigenen Mitteln, halbwegs durch’s Leben zu kommen, gleichzeitig die Sippe zu hause zu füttern. Hier in Mexiko wie in mittel- und einigen südamerikanischen Ländern besteht dieses Bedürfnis (nicht nur der Wunsch) genau so.
    Arizona kam mir beim Lesen Tom’s Beitrag spontan in den Sinn, und Deine Assoziation (hatten wir das nicht schon mal..) trifft verblüffend präzise mein Bild und übrigens das meiner mex. Freunde: Denn für sich betrachtet, ist die Bill SB 1070 absolut legitim, aber die aus der Inkraftsetzung dieses Einwanderungsgesetzes entstandene Hatz, deren Umsetzung und deren Folgen erinnern fatal an die jüngste deutsche Geschichte. Und wenn die Menschen, die um mich herum leben, mich fragen „sag mal, hat das vor 60, 70 Jahren bei Euch in Alemania auch so angefangen….“ möchte ich manchmal in den Boden versinken!
    LG aus Mexico

    Zu Deinem Satz:
    …es hat sich eine polit. Kaste herausgebildet, die die Fäden in der Hand hält und somit ist es richtig, was Du zur Situation des kenianischen Volkes schreibst. …
    Diese Kasten gibt es nicht nur in Kenia!

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  9. @ Vallartina
    vielen Dank für Deine Zeilen. Keine Bange ich habe es gern angenommen. Ich hatte gestern eine längere Debatte über die Notwendigkeit der Veränderung, besser gesagt Weiterentwicklung, der Demokratie, bei der ich mir am Ende wie das bockige Schulkind vorkam. Bei aller Schwierigkeit, ist es nicht schön, das wir uns über diese Entfernung verständigen können. Ich bin ein wenig neidisch. Ein Freund von mir lebt sei 2000 in Ecuador, ich war noch nicht in Lateinamerika. Ich glaube, ich muß Dich mir warm halten🙂
    Das Problem der Verkastung besteht immer, wenn gesellschaftliche Prozesse ins stocken geraten, siehe DDR und die heutige Entwicklung in der BRD. Schlimm ist nur, um so größer der allgemeine Wohlstand, um so größer sind auch die Verlustängste.
    Eigentlich ist Kaste in Kenia der falsche Ausdruck. Kibaki hat gewonnen, trotz leiser Proteste, weil der Westen Angst hat vor nationalen Modellen, die ihrem globalen Größenwahn im Wege stehen. Warum machen sie sich denn Sorgen um die Menschenrechtsverletzungen im Kuba. Sie trieben doch das Land durch ihre bis heute anhaltende Wirtschaftsblockade u. a. in die Armut und Stagnation. Wo vor hat ein so freies Land wie die USA Angst, das sie seit 50 Jahren keinen fairen Handel mit so einer kleinen Insel zuläßt. Vor 50 Jahren wurde im Auftrag des Westens Patrice Lumumba hingerichtet, zerstückelt und mit Säure die sterblichen Reste aufgelöst, die Spuren führen nach Belgien und ins Weiße Haus, zu Nationen die den christlichen Glauben vertreten…. Ich hatte den Zeitpunkt 17.01. leider nicht geschafft, aber ich glaube ich sollte es nicht am Tag fest machen. Gestern habe ich einen blog zum „Tag des Trinkwassers“ ins Netz gestellt. Vielleicht liest Du ja mal rein. Viele Grüße an den wilden Westen aus dem wilden Osten Mike

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  10. Hallo Ihr Lieben! Schön, dass sich so eine nette interessante Kommunikation entwickelt hat. Beruhigend, dass ich mein Blog alleine lassen kann😉 Dem Geschriebenen ist kaum etwas hinzuzufügen. Vallartina dürfte vielleicht das hier, bezüglich der Grenze wischen USA/Mexico, interessieren: Wohlstandsfestung (2)

    P.S. Mir fallen gerade noch ein paar Namen mutmaßlicher Wirtschaftsflüchtlinge ein: Friedrich Merz, Wolfgang Clement, Gerhard Schröder, Roland Koch,…to be continued

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