Die „Fukushima 50“. Helden oder Bauernopfer?

Fukushima/Japan Laut den letzten Meldungen muss man leider davon ausgehen, dass das menschverursachte Kernkraft-Desaster schlimmer wird als die Naturkatastrophe. Der GAU ist vermutlich nicht mehr aufzuhalten. Der blechernd hohle Helden-Pathos, mit dem die Pfennig- und Groschenpresse die „Fukushima 50“ zelebriert, wirkt auf mich reichlich zynisch, denn jene die man dort an die Strahlenfront delegierte, sind von Subunternehmen angeheuerte „Wegwerfarbeiter“, die bei zu hoher Strahlenbelastung ersetzt werden. Man nennt sie auch „nukleare Zigeuner“. Es sind 2.Klasse-Arbeiter, ohne Festanstellung, die im Krankheitsfall infolge zu hoher Strahlendosen kaum Anspruch auf Entschädigung haben. Die Verantwortlichen für den atomaren Schlamassel agieren im Hintergrund. Vor laufenden Kameras hatte sich die Führung der Betreiberfirma TEPCO beim japanischen Volk für die „Unannehmlichkeiten“ entschuldigt und sich anschließend demütig verbeugt.

Man entschuldigt sich als Concierge beim Hotelgast, wenn die Nachtischlampe im Zimmer nicht brennt, für Unannehmlichkeiten, aber nicht als Betreiber eines Kernkraftwerkes, wenn einem die Reaktoren um die Ohren fliegen und die Gefahr besteht, dass eine dicht besiedelte Umgebung im Umkreis von von zig Kilometern strahlenverseucht wird, ihr…(selbstzensur) 👿

Derweil wirken die armen Teufel an der Strahlenfront, die übermenschliches leisten, wie die Kapelle auf der Titanic, die bis zum Untergang spielte.  Es sind Menschen, die in der japanischen Gesellschaft vor dem atomaren Fiasko den gleichen sozialen Status wie bei uns die 1Euro-Jobber oder die Zeit- und Leiharbeiter inne hatten und nun plötzlich zu Helden gemacht werden.  Es würde dem Ganzen noch die zynische Krone aufsetzten, wenn man den strahlenden Helden wider Willen noch ein Denkmal setzen würde, phosporisierend, damit es um Dunklen leuchtet,…mir wird schlecht.

radioaktive_Bauernopfer_Fukushima50

Symbolbild: Die Bauernopfer an der Strahlenfront, die mächtigen Figuren im Hintergrund

Eben sah ich Bilder von protestierenden Japanern, die auf der Straße gegen Kernenergie demonstrierten. Muss erst Schreckliches passieren, bevor der Mensch umdenkt? Mein Mitgefühl gilt allen Tsunami- und Strahlenopfern, wäre ich religiös würde ich sagen „Gott stehe ihnen bei!“

Quellen:

Spiegel: Tagellöhner kämpfen gegen nukleare Katastrophe
Tim Shorrock: The nuklear Nightmare In englisch, aber mit Basiskenntissen leicht verständlich und sehr lesenswert!

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7 Kommentare zu “Die „Fukushima 50“. Helden oder Bauernopfer?

  1. Lieber Tom,
    ich finde es ausgesprochen zynisch, wie in Japan zum Teil mit den Helfern im havarierten Kernkraftwerk umgegangen wird. Ebenso wie die Meldungen, dass angeblich Auffanglager für obdachlos gewordene Menschen rund um Fukushima zunächst mal auf Strahlung getestet werden und nur mit einem Attest aufgenommen werden. Gleichzeitig sind die Informationen, die wir aus Fukushima bekommen schwer überprüfbar. Wie in einem Krieg ist eine solche Katastrophe Blütezeit für Gerüchte, Legenden, interessengeleitete Botschaften und Verschwörungstheorien. Die „Wirklichkeit“ bildet sich aus dem, was wir glauben.
    Du schreibst: „Man entschuldigt sich als Concierge beim Hotelgast, wenn die Nachtischlampe im Zimmer nicht brennt für Unannehmlichkeiten, aber nicht als Betreiber eines Kernkraftwerkes, wenn einem die Reaktoren um die Ohren fliegen.“ Hier denke ich, sollten wir vorsichtig sein, mit Urteilen. Unsere Kultur ist einfach zu verschieden von der japanischen. In der japanischen Gesellschaft gehört entschuldigen zum Standard und wird allgemein erwartet. In Interviews mit Leuten, die lange in Japan gelebt haben, kam das immer wieder raus. Hierzulande dagegen haben Verantwortliche Angst davor, sich zu entschuldigen, weil sie befürchten, dies komme einem Schuldeingeständnis gleich, samt wirtschaftlicher und versicherungsrechtlicher Folgen. (Das eine bloße Entschuldigung freilich nicht ausreicht, ist eine andere Frage).
    Ich habe heute einen ausgesprochen interessanten Artikel gelesen, von einer deutschen Journalistin, die mit einem Japaner verheiratet ist. Ein Selbsterfahrungsbericht über die Kulturunterschiede. Leider finde ich ihn nicht online, sonst würde ich verlinken. Sie heißt Kirsten Boldt und der Artikel erschien am 22. März 2011 im Kölner Stadtanzeiger.

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  2. Liebe Mayarosa,

    ich danke Dir sehr für Deinen ausführlichen Kommentar. Vielleicht hast Du mich bei der von Dir zitierten Passage missverstanden. Ich meinte nicht, dass sich die TEPCO-Betreiber gar nicht entschuldigen sollen, die sollen sich nicht nur für Unannehmlichkeiten entschuldigen, die müssen sich für sehr viel mehr entschuldigen, denn eine drohende Kernschmelze ist keine „Unannehmlichkeit“, sondern eine Katastrophe mit möglichen langfristigen Ausmaßen!

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  3. Unter den Gesichtspunkt, das es seit mehr als dreißig Jahren fest steht, das diese Technik nicht beherrschbar ist, finde ich schon seit Tagen kaum noch Worte. Wer sich mit der Chronologie in Tschernobyl auseinander gesetzt hat, oder mit Three Mile Island, fünf Tage, ebenfalls Siedewasserreaktor, kann erahnen, das sie seit Beginn alle im Unklaren lassen, weil sie selbst nicht wissen, was sie noch tun sollen. Heute laß ich in der Süddeutschen, das wenn sie die Kernschmelze nicht im Reaktor aufhalten können, es noch keine Erfahrungen gibt, wie man die Schmelze eindämmen kann. Gestern laß ich Augenzeugenberichte aus Tschernobyl, was es heißt verstrahlt zu sein und wie diese Menschen starben. Man kann nur hoffen, das ein Wunder geschieht und die Opfer möglichst gering ausfallen. Es ist ein Krieg den der Mensch gegen sich selbst entfacht hat. Der Soldat wird sterben, vielleicht namenlos, der General bekommt noch einen Orden – grausam ist des Menschszeit!
    „Untersuchungen haben ergeben, dass man in Pripjat irgendwann vielleicht wieder leben kann. Wissenschaftler sprechen von 100.000 Jahren. Vor 30.000 Jahren hat der Mensch gelernt, mit Steinwerkzeugen umzugehen, und womöglich hat er sogar schon vom Gebrauch des Feuers gewußt. So gigantisch sind die Dimensionen, in denen die Menschheit im Zusammenhang mit den Folgen von Tschernobyl denken muß.“

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  4. Pingback: TOMS FOTOBLOG

  5. In Tschernobyl hat ein Offizier rund 1.500 Soldaten den Befehl erteilt, ohne ausreichende Schutzkleidung tagelang am Reaktor zu arbeiten. Die armen Seelen dieser „sicheren Brückentechnologie“ hatten keine Wahl. Erschießen oder Verstrahlen.

    Wie geht es heute eigentlich diesem Offizier? Wird mindestens General geworden sein!

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  6. @ Familienknecht
    Ich habe mich sehr ausgiebig mit den Ereignissen um Tschernobyl befaßt. In Fukushima sind auch Soldaten eingesetzt. Der geschilderte Sachverhalt ist mir neu. Insgesamt waren ca. 800.000 Liquidatoren im Einsatz und viele davon auch auf Befehl, weil sie der Armee angehörten. Da sie ja auch reden konnten, haben sicherlich alle gewußt, welcher Gefahr sie sich aussetzen. Es gibt aber auch Berichte von Augenzeugen, die berichteten, das sich Armeeangehörige in unmittelbarer Nähe des Reaktors in den Pausen sich der Sachen entledigten und sich sonnten, weil herrliches Wetter war. Es gab keine andere Chance, denn selbst die durch Deutschland zur Verfügung gestellten Roboter, waren der Stahlung nicht gewachsen und fielen aus. Also auch wir hätten in so einem Fall keine andere „Technologie“.

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