Verbotene Ruinen – Graffiti, die vergängliche Straßenkunst (3)

Ich betrat eigentlich verbotenes Terrain. Die Verbotsschilder, die unmissverständlich vor dem Zutritt der zombiesierten Zone warnten, waren längst durch Sprayer unkenntlich und somit ungültig gemacht worden. Die dilettantisch errichteten Absperrungen konnten gewaltlos umgangen werden. Nun war ich mittendrin und spürte die leicht gespenstische Atmosphäre. Die Spuren des Brandes, der einen Großeinsatz der Feuerwehr auslöste, waren unübersehbar. Das rotgoldene Licht der Abendsonne gab den verfallenen einsturzgefährdeten Gebäuden einen leicht melancholisch-romantischen Anstrich. Ich schloss kurz die Augen und stellte mir vor, was sich wohl vor vielen Jahren hier abspielte.


Ich sah vor meinem geistigen Auge das bunte Treiben. LKWs und Kleintransporter, die rangierten, rückwärts an die Rampen fuhren, um mit Lebensmitteln beladen zu werden. Aufgeregtes Stimmengewirr, hektisches Gewusel, kleine und große Geschäfte wurden getätigt, ein Kommen und Gehen. Nichts davon ist geblieben. Ich öffnete die Augen, sah mich um, war nicht allein. Jemand schleifte verrostete Metallteile hinter sich her, vielleicht ein Schrotthändler. Oben auf dem Dach eines Gebäudes saßen ein paar Jugendliche, badeten im Abendlicht und kifften. Eine getigerte Katze in Lauerstellung beäugte mich.

Überall lagen vergammelte Fensterrahmen, vermoderte Türen, zerplittertes Glas, abgenutzte Autoreifen, oxidierte Eisenteile und sonstiger Bauschutt herum. Alte verrostete Spraydosen erzählten stumm über vergangene Aktivitäten von Graffiti-Sprayern.  Die marodierten Bauten schienen mich durch ihre eckigen Öffnungen, die mal Fenster waren und nun wie leere Augenhöhlen wirkten, drohend anzustarren. Hinter toten Fassaden lauerte die Dunkelheit. Ich wagte mich nicht in das Innere. Die Graffiti an den Wänden, wirkten teilweise wie riesige Fabelwesen oder lustige Comicfiguren, ließen die Umgebung surreal erscheinen. Ob sie wohl nachts zum Leben erwachten und hier herumspukten? Eine geeigntete Filmkulisse für einen gruseligen Streifen. Mich beschlich ein mulmiges Gefühl.

Die Jugendlichen saßen inzwischen nicht mehr dort oben auf dem Dach, der vermeintliche Schrottsammler war verschwunden, die Katze war auch nicht mehr zu sehen, die Sonne verabschiedete sich langsam Richtung Horizont, die eingetretene Stille hatte etwas Unheimliches, doch ich war gekommen, um zu verweilen und das Vergängliche zu fotografieren, mir blieb nicht mehr viel Zeit, bevor das Licht verschwand.

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Es dämmerte. Was war das? Ein Geräusch. Ich drehte mich um, ein Schatten huschte übers Gemäuer und verstarb im toten Winkel.  Hat sich das Graffito dort hinten etwa bewegt? „Das bildest Du Dir ein, Tom“ flüsterte ich und sah zu, dass ich schnellstens fortkam von diesem Ort,..

Soundtrack: Echoes – The Wilderness, my peace (demo)

4 thoughts on “Verbotene Ruinen – Graffiti, die vergängliche Straßenkunst (3)

    • Danke Dir🙂 So war es geplant, nämlich durch die Kombination Kurzgeschichte, Klänge und Bilder einen stimmungsvollen Gesamteindruck zu erzeugen. Aus Deiner Sicht ist mir das gelungen, das freut mich sehr.

      P.S. Habe noch leichte Veränderungen durchgeführt, 3 Bilder hinzugefügt, vielleicht magst Du ja nochmal schauen. Finde den Fake😉

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