„La Grande Nation“ und das doppelmoralische Genozid-Gesetz

Die französische Regierung plant noch im Januar ihr umstrittenes Genozid-Gesetz zu verabschieden. Der Gesetzentwurf sieht vor, die Leugnung von gesetzlich anerkannten Völkermorden zu ahnden. Die Türken regen sich auf, haben ihren Botschafter aus Frankreich abgezogen und drohen damit, die wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen einzuschränken, nach meiner Meinung aus dem falschen Grund:

Im Osmanischen Reich kamen nach unterschiedlichen Schätzungen während des Ersten Weltkriegs zwischen 200 000 und 1,5 Millionen Armenier ums Leben. Frankreich spricht seit 2001 von Völkermord, die Türkei als Nachfolger des Osmanischen Reiches streitet einen Völkermord ab.

Das Türkische Volk und seine Regierung werden, bei allem Nationalstolz, durchaus nicht zu Unrecht angemahnt, sich offen mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.  Doch wieviele Nationen und Völker gibt es, an denen nicht das Blut ihrer Vorfahren klebt und wie gehen sie damit um? Wie hält es die französische Regierung mit der historischen Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit? Gehören die Kolonialmassaker Frankreichs auch zu den gesetzlich anerkannten Völkermorden? Eine Rückblende ins Jahr 2007 gibt Aufschluß darüber, wie „La Grande Nation“ mit den finsteren Epochen der eigenen Historie umgeht. Der Präsident Frankreichs Nicolas Sarkozy begab sich kurz nach Amtsantritt auf Afrikareise und hielt an der Universität von Dakar eine Rede vor senegalesischen Intellektuellen. Hier ein paar Auszüge:

Der Auftakt zeigt sofort, wo es langgeht:

Jugend Afrikas, ich bin nicht gekommen, um von Reue zu sprechen,…

Ein großer Staatsmann hätte womöglich genau das getan, nämlich demütig von Reue und Schuld gesprochen. Stattdessen folgte arrogantes Geschwafel, mit dem durchschaubaren Versuch die Kolonialverbrechen zu relativieren und die Kolonialisten zu rehabilierten . So ging es weiter:

Es gab unter ihnen (den Kolonialherren) schlechte Menschen und gute Menschen, aber auch solche guten Willens, Menschen, die glaubten eine zivilisatorische Mission zu erfüllen Menschen, die glaubten, Gutes zu tun. Manche irrten, aber einige waren aufrichtig. Sie glaubten die Ketten des Obskurantismus, des Aberglaubens,der Knechtschaft zu zerbrechen […) Sie glaubten Liebe zu schenken, ohne zu sehen, dass sie Aufruhr und Hass säten […] Die Kolonisierung war ein Fehler, der mit Bitternis und dem Leid derer bezahlt wurden, die nur das Beste wollten und nicht verstanden, warum ihnen solcher Hass entgegenschlug.

Gerne würde ich von Monsieur Sarkozy erfahren, wer unter den kolonialistischen Ausbeutern und Sklaventreibern die herzensguten Menschen waren, die glaubten Liebe zu schenken.  Sie wollten Ketten sprengen? Waren sie nicht diejenigen, welche die Ketten aus Europa mitbrachten und den Afrikanern anlegten? Immerhin lässt er das Leid der Afrikaner nicht gänzlich unter den Tisch fallen:

Dieses Leid des schwarzen Mannes […] ich spreche hier nicht nur vom Mann, sondern auch von der Frau – dieses Leid des schwarzen Mannes ist das Leid aller Menschen!

Mit Verlaub Monsieur Sarkozy, so einen zynischen Scheißdreck habe ich selten gehört! Der Tyrann leidet wie der Unterdrückte, der Ausbeuter wie der Ausgebeutete, der Herrenmensch wie sein  Sklave, der Barbar wie der Niedergemetzelte, der Vergewaltiger wie sein Mißbrauchsopfer, der im Überfluss lebende wie der Hungerleider? Sklaverei, Zwangsarbeit, Deportationen, Zerstörung und Raub, das „gemeinsame“ schmerzliche Schicksal von Europäern und Afrikanern, das gleiche Leid?! Nur ein schlichter Fauxpas, also Schwamm drüber,..

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan wirft nun seinerseits Frankreich einen Völkermord in Algerien vor, als Retourkutsche zum geplanten französischen Genozidgesetz. Hat Erdogan recht? Was passierte zwischen 1954-1962 in der ehemaligen Kolonie Frankreichs?:

Algerien hat einen mehr als siebenjährigen Befreiungskrieg geführt. Fast eine Millionen Araber, Kabylen, Mozabiten, Schauia – Männer, Frauen und Kinder – wurden von französischen Maschinengewehren niedergemäht, von französischen Bomben zerrissen, getötet, verstümmelt, verwundet.

Schauen wir wie der Begriff „Völkermord“ definiert ist:
Am 9. Dezember 1948 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen in der Resolution 260 die „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ […] Die Konvention definiert Völkermord in Artikel II als „eine der folgenden Handlungen, begangen in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören:

  1. das Töten von Angehörigen der Gruppe
  2. das Zufügen von schweren körperlichen oder seelischen Schäden bei Angehörigen der Gruppe
  3. die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen
  4. die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung
  5. die gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe

Gemäß dieser Definition tragen die meisten Nationen dieser Welt Völkermorde als historischen Ballast mit sich herum. Das trifft für die ehemaligen europäischen Kolonialmächte, inklusive Deutschland und auch für die USA zu. Alle täten besser daran, die Verbrechen ihrer Vergangenheit transparent aufzuarbeiten, ansatt sie sich gegenseitig vorzuwerfen, das wäre eine gute Basis für eine gemeinsame Zukunft, denn wie wir wissen kann sich Geschichte wiederholen. Solange das geschichtsverliebte Frankreich das nicht ausreichend, selbstkritisch und angemessen tut, wie man es von einer wahrlich großen Nation erwarten würde, bleibt das geplante Genozid-Gesetz in meinen Augen eine doppelmoralische heuchlerische Farce.

4 thoughts on “„La Grande Nation“ und das doppelmoralische Genozid-Gesetz

  1. gut zusammengefasst Tom!
    das ist nicht nur doppelmoralisch, sondern absoluter Schwachsinn…. es werden wieder „Mediensäue“ durchs (globale) Dorf getrieben

    (GER = Wulffkredit) + (FRA = Genozidgesetz) = Blendgranaten wegen Änderung der Europ. Staatsverträge, ESM, etc…

    D und F sind doch die Träger der EU… und die Einwohner dieser beiden großen Nationen müssen doch abgelenkt werden😉

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  2. Was die medial aufgeblähte Wulff-Story angeht, gebe ich Euch recht.
    Das franz. Genozidgesetz wirft ein interessantes Licht auf das Unrechtsbewusstsein der sogen. „westlichen Welt“ und ihre immer noch überheblich arrogante Grundhaltung gegenüber den Völkern des Südens. Das fand ich schon bemerkenswert…

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