Die Rückkehr des Zeitdiebes

Ich zuckte zusammen, setzte mich rasch auf, rieb mir die Augen und versuchte sie aufzureißen. „Verdammt, ich darf jetzt nicht einschlafen!“ Erschrocken blickte ich zur Wanduhr. Zwölf vor zwei. Trotz des starken Kaffee hatte mich die Müdigkeit übermannt, fast eine Stunde war ich weggenickt. Angenehme Nachtluft strömte durch die offene Balkontür. Bestimmt war er schon in der Nähe. Noch leicht benommen vom Schlaf erhob ich mich träge von der Couch und trat hinaus auf den Balkon in die Nacht.

Die frische Frühlingsluft war genauso mild wie die Zigarettensorte die ich nicht rauchte. Der Nachthimmel war bedeckt, kein Stern zu sehen. Nur die menschgemachte Lichtverschmutzung sorgte dafür, dass die Dunkelheit nicht völlig schwarz war. Der Hügel in der Ferne wirkte wie ein schlafender Riese. Die Bäume, etwa zehn Armlängen vor meiner Nase, hatten sich in all den Jahren zu einem dichten Wald versammelt der jetzt zu dieser nächtlichen Stunde eine riesige Schattenwand bildete. Eine Wand aus stummen hünenhaften Wächtern, die über alles erhaben der Zeit zu trotzen schienen.  Ich blickte aus dem 2.Stock nach unten und sah eben noch, wie ein Schatten im schwachen Lichtschein eines Fensters vorbeihuschte und sich mit der Nacht vereinte. „Scheiße, er ist schon da, ich muss ihn aufhalten!“ Ich, jetzt hellwach, schnellte herum und eilte zurück ins Wohnzimmer. Mein Atem stockte.

Im Wohnzimmer war gerade eine schwarze Gestalt dabei, meine Uhr von der Wand zu nehmen. Eins vor zwei! „Gib mir die Uhr Du Zeitdieb, sonst gibt es was auf die Zwölf!“ Die Gestalt kicherte gemein. „Keine Chance, deine nächste Stunde gehört mir!“ Wir zerrten beide an der Uhr. Ich mit einer Hand, die andere war zur Faust geballt. Ich haute dem Zeitdieb ein paar auf die Zeitleiste, seine Lippe riß auf, er blutete Sekunden, doch sein Griff ließ nicht nach.  Beim Versuch ihm ins Glockenspiel zu treten, verlor ich die Balance, fiel nach hinten, stieß mit dem Hinterkopf gegen den Heizkörper. Ich hörte noch dieses gemeine Kichern, bevor mir schwarz vor Augen wurde,…

Ich öffnete langsam die Augen. Ein Blick auf die Uhr. Viertel vor vier. „Verdammt, ich wollte doch nicht einschlafen und was für ein beschissener Traum war das?“ Langsam hievte ich meine müden Glieder aus der Couch. Schwerfällig taperte ich Richtung Küche, um nachzusehen ob im Kühlschrank noch Licht brennt. Die alte Küchenuhr zeigte noch viertel vor drei. Die Funkuhr im Wohnzimmer hatte sich schon selbstständig auf Sommerzeit umgestellt. „Verflixte Zeitumstellung!“ mumelte ich.  Mir wurde leicht schwindelig. Warum schmerzt mein Hinterkopf? Ich ertastete  eine Beule im hinteren Schädelbereich. „Na warte, du kleiner schäbiger Time-Gangster, dieses Mal hast du gewonnen, aber in einem halben Jahr werden die Karten neu gemischt, dann hole ich mir meine Stunde zurück!“ brummte ich während ich feststellte, dass das Licht im Kühlschrank noch ging. Ich setzte das Tetra-Pack an und trank mindestens einen halben Liter Müder-Mann-Getränk in einem Zug. „Jetzt brauche ich noch eine dicke Mütze voll Schlaf“ und begab mich in ungefährer Richtung Schlafzimmer. Noch einmal hallte das hässliche Kichern in meinem Kofpraum nach, bevor ich in den erholsamen Tiefschlaf fiel. Irgendwo in der Antarktis vergrub ein schattenhaftes Wesen lachend gestohlene Stunden im ewigen Eis,…

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9 thoughts on “Die Rückkehr des Zeitdiebes

  1. Ja, ich hasse ihn auch diesen Zeitdieb. Auch nach dieser langen Zeit, kann ich mich immer noch nicht an diesen Zeiträuber gewöhnen.

    Erst wie mich heute meine Tochter gefragt hat, ob ich schon umgestellt habe, wußte ich was los ist.

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  2. Heldenhaft verloren … gegen den Zeitdieb. Du hattest keine Chance.
    Aber weißt Du was? Von mir aus kann er meine Stunde ab jetzt behalten – für immer und ewig im ewigen Eis vergraben!!! Das ewige Hin-und-Her geht mir auf den Zeiger.

    Danke Tom, für Deinen wörtlichen Umgang mit der Zeitumstellung. Das hilft zu früher Morgenstunde.
    Lieben Gruß
    Eva

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    • Mir fehlte die Stunde heute morgen.Der Zeitdieb hat gestern gewonnen, aber man trifft sich mindestens zweimal im Leben,…😉
      Auf diesen Kampf könnte ich auch verzichten, aber er liefert wenigstens Stoff für schräge Stories,…😉

      P.S. Bei mir werden Stunden in der Antarktis vergraben, bei Peter Licht fliegen die Sekunden vom Sonnendeck ins blaue Meer, für da wo der Gletscher kalbt😉

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    • Danke für das Peter-Licht im Zeit-Dunkeln.
      Mir fehlte die Stunde auch – vorgestern, gestern und heute … und die nächsten Tage wird sie mir erst recht fehlen. So werden aus einer Stunde ganz schnell ganz ganz viele fehlende Stunden. Ein gutes Geschäft für den Zeitdieb … und das jedes Jahr aufs Neue.😉

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  3. Hey Tom tolle Geschichte. Ich hab leider für so etwas immer zu wenig Zeit oder ich müßte Hungerkünstler werden. wie heißt es so schön, „Dem Glücklichen schlägt keine Stunde“ und dem Unglücklichen ist jede eine zuviel. Viele Grüße Mike

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